Grundwissen Anleihemarkt - am 21. Oktober 2026
Grundwissen Anleihemarkt - Das Comeback der Anleihen
Grundlage dieses Beitrages ist die aktuelle Marktlage des Anleihemarktes, die sich täglich ändern könnte. An den Finanzmärkten gab es in den vergangenen Monaten einige Rekorde. Abseits von Kl, Speicherschips und Hightech feierte eine Anlageklasse ein Comeback, in das weltweit das meiste Vermögen angelegt wird: Die Rendite von vielen Anleihen mit sehr hoher Kreditqualität war zuletzt so hoch wie seit mehr als zwanzig Jahren nicht mehr.
Das gilt zumindest für Staatsanleihen der großen Emittenten. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen rentierten zuletzt bei mehr als 3%, Treasuries oder Gilts, wie die Titel aus den USA und Großbritannien unter Anlegern genannt werden, sogar nahe 5%. Das sind Sätze, wie sie der Markt seit knapp zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat.
Zuletzt sorgte eine neuerliche Eskalation im Nahostkonflikt für neuen Schub. Steigende Energiepreise erhöhen die lnflationsängste, was wiederum die Zinserwartungen steigert. Mit Blick auf eine zunehmend ausufernde Staatsverschuldung steigen zudem die Renditeerwartungen. Selbst das langjährige Null- und Minuszinsland Japan, das über viele Jahre von extrem niedrigen Zinsen geprägt war, erlebte zuletzt einen kräftigen Renditeanstieg.
Während die Finanzminister ächzen, freuen sich viele Anleger über bonitätsstarke Anleihen, die wieder attraktive laufende Erträge bieten. Der Vorteil: Die laufende Rendite, auch Kupon oder carry genannt, kann ganz unabhängig von kurzfristigen Kursschwankungen vereinnahmt werden. Denn Bonds werden täglich an den Märkten gehandelt. Wenn sich die Erwartungen der Investoren ändern, spiegelt sich das in den Kursen. Der Vorteil: Wenn es am Bondmarkt einmal runtergehen sollte, bietet der Carry mittlerweile einen stattlichen Puffer.
Gleichzeitig haben sich die Zinsstrukturkurven, die die Renditen für verschiedene Laufzeiten einer Anleihe abbilden, in vielen Märkten wieder normalisiert. Dadurch entstehen zusätzliche Ertragspotenziale. Das gilt etwa für den sogenannten „Roll-down-Effekt", also wenn Anleihen mit zunehmender Restlaufzeit entlang der Zinskurve „nach vorne rollen". Bei einem vorzeitigen Verkauf gibt es Kursgewinne für Titel mit längerer Laufzeit, weil sie höher verzinst sind als Kurzläufer. Allein diese beiden Effekte verbessern die langfristigen Ertragsperspektiven deutlich im Vergleich zu den Dürrejahren des Niedrigzinsumfelds.
Attraktives Verhältnis von Chancen und Risiken
Wenn die Zinsen auf Sicht wieder sinken, eröffnen sich zusätzliche Kursgewinnpotenziale. Denn dass die Zinsen immer weiter steigen, erscheint wohl eher unwahrscheinlich. Mit den inzwischen erreichten Renditen steigen die Kosten für die Finanzierung von Staaten, Unternehmen und Bürgern. Eine Last, die eine enorme Bremswirkung zur Folge hat. Investitionen für Unternehmen werden teurer, ebenso Kredite für Immobilien oder Konsum. Auch die Staaten sind betroffen: Gerade in hoch verschuldeten Ländern wie Frankreich oder Italien schränken steigende Zinsausgaben den finanzpolitischen Handlungsspielraum zunehmend ein. Oder anders formuliert: je höher die Renditen bereits sind, desto niedriger ist der Spielraum für einen dauerhaften Zinsanstieg.
Vor einigen Jahren zogen die Zinsen schon einmal kräftig an. Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine stiegen die Energiepreise rasant. Im Vergleich zu dem Nahostkonflikt gab es zuletzt aber einen wichtigen Unterschied: Der Energiepreisschock des Jahres 2022 traf (nach Covid) auf eine deutlich höhere Inflation, eine sehr expansive Geldpolitik und wesentlich niedrigere Kapitalmarktrenditen.
Aktuell sind die Inflationszahlen deutlich niedriger. Die Geldpolitik agiert wesentlich restriktiver und die Bond Renditen befinden sich bereits auf einem hohen Niveau. Es spricht also einiges dafür, dass das Risiko einer neuen, sich selbst verstärkenden Inflations- und Zinsspirale deutlich geringer sind.
Selbst mit Blick auf neuerliche geopolitische Belastungen dürfte neben der Inflation auf Sicht also wieder die Wachstumsschwäche in den Fokus rücken. Ein Umfeld, in dem qualitativ hochwertige Anleihen typischerweise gefragt sind.
Hohe laufende Erträge, der „Roll-Down- Effekt“ bei steilen Zinskurven und ein im historischen Vergleich attraktives Change-Risiko-Verhältnis sprechen derzeit für Anleihen. Gleichzeitig wirken die bereits erreichten Renditen zunehmend als natürliche Bremse für einen unbegrenzten weiteren Zinsanstieg.
Anleihen sind aber nicht gleich Anleihen. So bieten Unternehmensanleihen gegenüber Staatsanleihen traditionell attraktive Renditeaufschläge. Sie sind daher ein wichtiger Ertragsbaustein in einem gut gestreuten Anleiheportfolio.
Zuletzt konnten aktive Anleger vor allem im Investment-Grade-Bereich wieder attraktive Mehrerträge erzielen. Die Renditeaufschläge zwischen Anleihen mit sehr guter Bonität und Hochzinsanleihen befand sich zuletzt nahe den niedrigsten Niveaus der vergangenen zehn Jahre.
Oder anders ausgedrückt: Für das deutlich höhere Ausfall- und Schwankungsrisiko von Hochzinsanleihen erhalten Anleger derzeit nur einen vergleichsweise geringen zusätzlichen Ertrag. Eine Entwicklung, die zuletzt deutlich für qualitativ hochwertige Unternehmensanleihen sprach.
Hinzu kommt: Im Markt für hochwertige Unternehmensanleihen ist das Angebot zuletzt deutlich gestiegen. Das lag unter anderem an den umfangreichen Anleiheemissionen der großen Technologie-Unternehmen zur Finanzierung ihrer milliardenschweren Investitionen in die KI-Infrastruktur. In der Folge steigen Renditen in diesem Segment deutlich an. Das Beispiel zeigt: Anleger können auch bei Unternehmenstiteln mit gutem Kreditrisiko mittlerweile attraktive laufende Erträge bei guter Bonität und überschaubaren Risiken erzielen.
Wenig Puffer bei Hochzinsanleihen
Der Blick auf die andere Seite des Anleihemarkts zeigt ein gänzlich anderes Bild. Trotz geopolitischer Unsicherheiten und zwischenzeitliehen Schwankungen bewegen sich die Renditen von sogenannten Hochzinsanleihen inzwischen wieder in der Nähe historischer Tiefstände. Das spiegelt den Optimismus am Markt: Das Risiko von Titeln von deutlich schwächeren Schuldnern wird offenbar als nicht besonders hoch betrachtet. Gleichfalls könnte bereits eine Rückkehr der Risikoaufschläge auf historisch durchschnittliche Niveaus in der Zukunft zu einer spürbar schwächeren Wertentwicklung im Hochzinssegment führen.
Qualität schafft Stabilität und Liquidität
Hochwertige Unternehmensanleihen bieten derzeit also nicht nur ein attraktiveres Chance-Risiko-Verhältnis, sondern erhöhen auch die Stabilität eines Portfolios. Ein weiterer Vorteil Anleihen guter Bonität verfügen in der Regel über eine höhere Liquidität, was gerade in volatilen Marktphasen ein wichtiger Vorteil sein kann. Wenn etwa während einer außergewöhnlichen Nachrichtenlage viele Titel eines Emittenten gleichzeitig auf den Markt geworfen werden, sollten genügend Kaufinteressenten vorhanden sein. In einem engen Markt können Kursabschläge drohen.
Unternehmensanleihen bleiben also in einem aktivverwalteten Portfolio ein attraktiver Renditebaustein. Der größte Mehrwert ist zuletzt jedoch im qualitativ hochwertigen Investment-Grade-Segment. Der zusätzliche Ertrag von Hochzinsanleihen kann das höhere Risiko derzeit nicht ausreichend kompensieren.
Mehr als nur der Kupon: Der Ertrag hat viele Quellen
Bonds sind keine Sparbücher. Die laufende Verzinsung einer Anleihe ist ein wichtiger Ertragsbaustein - aber längst nicht der einzige. Gerade in einem Umfeld mit geopolitischen Risiken, divergierenden Konjunkturzyklen und auseinanderlaufenden Zentralbankpolitiken können zahlreiche zusätzliche Chancen entstehen. Ein aktiv gemanagtes Anleiheportfolio kann diese gezielt nutzen und sich flexibel an veränderte Marktbedingungen anpassen. Die attraktivsten Chancen entstehen häufig dort, wo sie klassische Anleiheindizes nicht ausreichend abbilden. Benchmarknahe Fonds oder ETFs gewichten die Emittenten im Portfolio häufig nach ihrem ausstehenden Schuldenvolumen. Das führt dazu, dass besonders hoch verschuldete Staaten oder Unternehmen automatisch ein höheres Gewicht erhalten. Ein aktiver Ansatz kann diese Verzerrungen vermeiden und Kapital gezielt dort einsetzen, wo das Verhältnis von Chance und Risiko am attraktivsten erscheint.
Wie funktioniert aktives Bond-Picking in der Praxis? Es geht vor allem darum, alle Renditehebel zu nutzen, die diese Anlageklasse bietet. Ein wesentlicher Ertragshebel bei Anleihen ist die sogenannte Duration (Laufzeit) - also die Zinssensitivität eines Portfolios. Sinken die Kapitalmarktrenditen, können Anleihen zusätzlich von Kursgewinnen profitieren.
Wie stark ein Portfolio davon profitiert, lässt sich durch eine aktive Durationssteuerung gezielt beeinflussen. Die Basis dafür bildet eine richtige Positionierung entlang der Zinskurve. Denn nicht nur das Ausmaß der Zinssensitivität bei Bewegungen am Zinsmarkt ist dabei entscheidend, sondern auch, in welche Laufzeiten investiert wird. Je nach Marktphase bieten unterschiedliche Bereiche der Zinskurve attraktive Chancen. Eine flexible Steuerung ermöglicht es, hier Chancen gezielt zu nutzen und Risiken - etwa am sehr langen Laufzeitende bewusst zu begrenzen.
Aktives Management kann alle Renditequellen nutzen
Letztlich gilt aber in jeder Marktlage: Nicht alle Äpfel in einen Korb. Auch die Auswahl der Währungsräume und regionalen Märkte trägt wesentlich zum Gesamtertrag bei. Denn unterschiedliche Volkswirtschaften entwickeln sich häufig nicht im Gleichschritt und eröffnen dadurch zusätzliche Möglichkeiten der Diversifikation. Ergänzend können inflationsgeschützte Anleihen das Portfolio robuster machen und insbesondere in Phasen steigender Inflation stabilisierend wirken.
Flexible Strategien können Marktchancen auch überweitere Rendite-Bausteine erschließen - beispielsweise durch den gezielten Einsatz von Optionen, eine selektive Auswahl von Unternehmensanleihen oder opportunistische Anpassungen der Kreditrisiken. Damit nicht genug: Hinzu kommen Zusatzerträge durch den sogenannten „Roll-down-Effekt“, der bei normal verlaufenden Zinskurven zusätzliche Renditepotenziale eröffnen kann.
Erst die Kombination dieser verschiedenen Ertragsquellen macht ein aktiv gemanagtes Anleiheportfolio widerstandsfähiger und weniger abhängig von einem einzelnen Marktszenario.
Fazit: Ein erfolgreiches Anleiheportfolio lebt heute von weit mehr als dem Kupon. Aktives Management eröffnet zahlreiche zusatzliehe Ertragsquellen - von der Durationssteuerung über die Positionierung entlang der Zinskurve bis hin zur gezielten Auswahl von Ländern, Instrumenten und Kreditrisiken. Gerade in einem unsicheren Marktumfeld wird diese Flexibilität zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
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